Streiflicht 1
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Genug ist doch genug – subjektive Seminareindrücke mit grundlegender Bedeutung

Für manche Kursteilnehmerin und manchen Kursteilnehmer bietet die Anwendung systemtherapeutischer Methoden in der Praxis nach zwei Seiten hin eine Überraschung. Diese Überraschung hat mit der Grenzziehung die im systemischen Arbeiten vorgenommen wird zu tun. Ein Auftrag ist beschrieben. Eine Fülle von Hypothesen ist entwickelt. Die Problemstellung zeigt sich nicht nur vielfältig sondern umfassend. Je mehr das Feld begangen wird, desto weiter scheint es sich auszudehnen, immer neue Gesichtspunkte kommen in den Blick. Da ist das viel versprechende Handwerkszeug der Systemik mit der bereits erste Erfahrungen gesammelt wurden. Und was tut der Lehrtherapeut vor den Augen des gespannten und handlungsbegierigen Auditoriums? So gut wie nichts, sträflich wenig. Lässt mehr liegen, als er aufgreift. Das irritiert. Sollte und müsste mann oder frau da nicht ganz anders dran gehen, viel umfassender. Dem entspricht eine verbreitete Erwartungshaltung auf der Seite derer, die ein Problem vorstellen. Sie möchten das Problem in seiner Gesamtheit gewürdigt wissen und sind in ihren Lösungsvorstellungen darauf aus, das Ganze zu verändern und zu bearbeiten. Dies erweist sich beim Versuch der Durchsetzung als ziemlicher Druck und stellt letzten Endes eine Überforderung dar. Die Konsequenz ist leicht einzusehen, die Umsetzung der Lösung in Handlung erweist sich aufgrund der wahrgenommenen Komplexität als undurchführbar und unterbleibt letztendlich ganz. Das Gefühl der Überforderung und Hilflosigkeit stellt sich ein und wird womöglich gegenüber der Ausgangssituation durch die Bearbeitung in der Gruppe noch verstärkt. Systemische Beratung muss an dieser Stelle verstanden werden als Einladung zur Beschränkung. Weder das, was der Kunde, Problemvorstellende, zu bewältigen hat, noch die Aufgabe des Beratenden ist unbegrenzt und allumfassend. Das ist für beide Seiten entlastend. Keiner Seite kommt die Aufgabe zu, die Welt aus den Angeln zu heben. Die Begrenzung wird durch die Auftragsklärung vorgenommen. Beide Seiten verständigen sich auf einen Teilausschnitt des in der Gesamtheit Möglichen zugunsten des konkret Machbaren und in Anknüpfung an das bisherige Entwickelbaren und konkretisieren ein erreichbares Ziel. Was ist die zweite Überraschung? Die zweite Seite der Überraschung ist, dass das ursprünglich erwartete mehr“ für eine zufrieden stellende Lösung sich als entbehrlich erweist. Für das Auditorium und die Person, die ein Problem vorstellt zeigt sich, dass in dem beschränkten, aber erreichten Ergebnis das gewünschte sich in vollem Umfang verwirklicht und das Ergebnis sich als durchaus zufrieden stellend erweist. Was geschieht da? Wie lässt sich das erklären? Es handelt sich vor allem andern an dieser Stelle um eine Reduktion von Komplexität. Das Konkrete und Singuläre wird in seiner Bedeutung gegenüber dem Prinzipiellen, dem An sich und Überhaupt gewürdigt und für Bedeutungsvoll erklärt. Es ist das Nadelöhr durch das man der Komplexität der ihr innewohnenden Unhandlichkeit entrinnt und zum Handeln kommen kann. Das unterstellt keineswegs, dass damit alles getan und alles erreicht wäre. Dem ersten Schritt können weitere folgen. Die eine gelöste Aufgabe kann oder wird eine neue nach sich ziehen. In anderen Bereichen auf anderen Feldern können Aufgaben anstehen. Das soll und muss nicht beunruhigen. Die Tugend zu der Kunden und Berater in Gleicherweise aufgefordert sind, hat biblische Qualität: Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe“ . Dass genug, dann doch genug ist, zeigt sich dem, der sich der Beschränkung in dieser Weise stellt.

Reinhard Wick