Streiflicht 2
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Impuls: Die Bedeutung des Nicht- Verstehens im Beratungsprozess
Situationen, in denen Beratung oder Therapie in Anspruch genommen wird, sind in der Regel durch eine besondere Struktur der Kommunikation gekennzeichnet: Ein Stichwort genügt und jede und jeder des involvierten Systems weiß, was gemeint ist. Man steht als Beobachter unter dem Eindruck, über eindeutige, nicht hinterfragbare Tatsachen zu reden. Zwischen den Beteiligten besteht in dieser Hinsicht Einigkeit. Mögliche Unterschiede in der Sichtweise, Deutung, jeweilige Beweggründe von Handeln werden für nicht existent erklärt. Fragen, die eine Differenzierung angesichts dieser Aspekte ermöglichen, werden von niemandem aus dem System gestellt. Dieses Ausmaß an Übereinstimmung widerspricht vollständig dem, was über das Funktionieren oder Nicht-Funktionieren von Sprache bekannt ist. Man kann davon ausgehen, dass dieses Maß an Übereinstimmung eine Illusion ist, in der sich die Beteiligten gefangen haben - eine kommunikative Fata morgana, die alle für wahr halten. Dies ist ein Teil der gemeinsamen Problemtrance. Umgekehrt lässt sich sagen, dass Situationen in denen ein Beratungsanliegen auftritt, immer mit einer Reduktion der Bedeutungsvielfalt von Sprache einhergeht. Beispiel gefällig? "11. September" ist seit dem Tag, an dem zwei entführte Passagierflugzeuge in die Türme des Welthandelszentrum in New York gesteuert wurde und diese zum Einsturz brachten, kein Datum mehr, sondern ein Symbol. "11. September" hat im Sprachgebrauch nahezu vollständig sein alltagssprachliche Funktion eingebüßt. Es ist Symbol und wirkt wie jedes Symbol gemeinschaftsstiftend. Es impliziert bestimmte vorgegebene Deutungen und Handlungen und wirkt auf vorhandene Grundeinstellungen wie z.b. Patriotismus oder auf der Gegenseite Fanatismus verstärkend. Dieser Effekt kann als stabilisierendes Element für soziale Systeme erlebt oder genutzt werden, geht aber zugleich mit dem Verlust anderer Bedeutungen und damit von Handlungsoptionen einher. Auf diese Weise kann es zu totalen und totalitärer Festlegung und Erstarrung kommen. Der Gebrauch solcher symbolgewordener Begriffe führt dazu, dass Kommunikation mehr und mehr stereotyp abläuft und sich unaufhaltsam wiederholt. Es entwickelt sich so etwas wie ein Jargon, der für Insider völlig verständlich und überzeugend ist, für Außenstehende aber befremdlich wirkt. Damit ist auch ein wesentliches Merkmal jeglicher Konfliktszenarien beschrieben. Entgegen der sonstigen Struktur von Kommunikation, die von ihrer Entwicklung her prinzipiell nicht vorhersagbar ist, gibt es unter diesen Voraussetzungen kommunikativ nichts Neues mehr unter der Sonne - Kommunikation wird stereotyp. Was geschieht nun, wenn sich jemand einem solchen System von Außen annähert? Es findet ein Werben um Zugehörigkeit statt. Die Beraterin, der Berater bekommt eine Fülle von Informationen und Deutungen angeboten, die alle ein Ziel haben: auch er soll dem Symbol in seiner für die Gemeinschaft verbindenden Bedeutung zustimmen und unter dem Preis des Verzichts auf seine aufgrund seiner Nichtzugehörigkeit gegebenen Handlungs- und Sprachoptionen Mitglied der Gemeinschaft werden. Genau an diesem Punkt wird deutlich, welche Möglichkeiten durch das Nicht-Verstehen gegeben sind. "Verstehen" hieße in diesem Zusammenhang einer angebotenen Deutung zustimmen. Dies aber geht unmittelbar mit dem Verlust der Außenposition als Berater einher. Nicht-Verstehen bewirkt, dass der Berater seine Außenposition beständig neu konstituiert und festigt. Dafür bietet sich nun dem Berater ein weites und unerschöpfliches Feld. Die Verfasstheit von Sprache führt dazu, dass die Möglichkeiten des Nicht-Verstehens gegen Unendlich tendieren. Letztendlich gibt es nichts, was nicht befragt werden könnte. Darin liegt die Chance.
Reinhard Wick
