Streiflicht 3
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Impuls: Wo um Himmels willen sind wir hier?
Folgende Geschichte hat sich vor einiger Zeit auf dem Hauptbahnhof in München zugetragen. Eine Gruppe älterer Damen verlässt am frühen Morgen den Nachtzug aus Rom. Sie machen einen sehr aufgeregten Eindruck. Ein Passant fragt, ob er denn helfen kann. Das ist aufgrund der Sprachprobleme, der Passant spricht kein Italienisch und die Damen kein Deutsch, nicht ganz einfach. Dennoch kann man sich soweit verständigen, dass die Damen gerne wissen möchten, wo sie denn gelandet seien. Das kann der Passant erläutern: "In München." "Mueencheen?" "Munique", versucht es der Passant mit Englisch. Es dämmert nicht nur der Tag, sondern es dämmert auch bei den Damen: "Monaco (München)?" fragen sie ungläubig und schlagartig wird ihnen klar, dass sie doch nach Monaco (Monaco) hatten reisen wollen. Systemiker haben auch für diese Situation ihre eigene Erklärung. Sie behaupten, es lag nicht an der Aussprache, sondern an der "Landkarte". Das Problem trat ganz offensichtlich beim Kauf der Fahrkarte auf. Der Schalterbeamte in Italien hörte "Monaco" und verstand "München"; entsprechend suchte er die Verbindung aus und verkaufte den Damen die Fahrkarte. Er meinte jenen Ort in Deutschland jenseits des Brenners, mit dem Oktoberfest, dem Olympiageländer und neuerdings der Allianzarena. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, seine Landkarte mit der Landkarte der Damen abzustimmen. Hätte er nur gefragt, wozu aufgrund seines festen Glaubens, dass er die Damen richtig verstanden hatte, kein Anlass bestand, wo denn dieser Ort liegen soll. Er hätte schnell erfahren, dass Monaco (Monaco) und nicht Monaco (München) das gewünschte Reiseziel war. Er hätte auch fragen können, was natürlich am Bahnschalter unüblich ist, aber durchaus galant ankommen könnte, was denn die Damen dort vorhätten. Auch so hätte er herausgefunden, dass nicht München gemeint sein konnte. Systemisch betrachtet ist dies ein sehr schönes Beispiel, weil es wieder einmal zeigt, dass für das Verstehen nicht die Worte, oder deren korrekte Aussprache von Bedeutung sind. Jedes Verstehen erfolgt aufgrund innerer Landkarten. Sie stellen Überzeugungen dar. Die Damen hatten eine innere Landkarte. Sie wussten, wohin sie wollten, wussten, wie es dort aussieht und was sie dort vorhatten. Vielleicht hatten sie keine Vorstellung davon, auf welchem Weg man dorthin kam. Das überließen sie der Bahn. Aber für sie bestand kein Zweifel daran, dass mit Monaco nur jener Ort, den sie sich vorstellten, gemeint sein konnte und sahen daher auch keinen Grund, daran zu zweifeln, dass der Schalterbeamte ihnen die richtige Fahrkarte verkauft hatte und sie im richtigen Zug saßen. Die Landkarte des Schalterbeamten sah vielleicht so aus, dass es häufiger vorkommt, dass jemand von Rom nach "Monaco (München)" möchte als nach Monaco (Monaco). Hatte er Zweifel gehabt, ob auch diese Reisenden zu der Mehrzahl gehörten und ob er sich vielleicht verhört hatte und die Dame doch Monaco (Monaco) gesagt hatte, so korrigierte er vielleicht diese Erfahrung aufgrund seiner bestehenden inneren Landkarte. Auch die andere Landkarte, die ihm vielleicht sagte, dass es ungewöhnlich ist, dass Ältere Damen aufs Oktoberfest wollen, korrigierte er, damit, dass ja auch ältere Damen durchaus ihren Spaß haben sollten und warum sollte es nicht das Oktoberfest sein. Schließlich will man ja tolerant sein. Entscheidend für den Systemiker ist: Die Landkarten beider Beteiligten bleiben bei dieser Art Kommunikation verborgen. Keiner der Beteiligten kennt die Landkarte des anderen und solange dem so ist, bleibt Verstehen eben Glückssache. Aber was heißt dann, Verstehen? Landkarten nehmen aufgrund vorhandener Erfahrungen (deshalb heißen sie auch innere Landkarten) eine Einschätzung der Situation und damit eine Deutung von Erlebtem vor. Die Landkarte sortiert aus, was wahrscheinlich und unwahrscheinlich, was möglich und unmöglich ist. Der Schalterbeamte "versteht" aufgrund seiner Landkarte, die Damen "verstehen" aufgrund ihrer Landkarte, was sie meinen. Der systemisch Beratende verhält sich im Blick auf die "Landkarten" seines Gegenübers anders als der Schalterbeamte: Er erfragt die Landkarte. Dies hat nicht nur den Effekt, dass die Gefahr möglicher Missverständnisse verringert wird, sondern führt auch dazu, dass der Ratsuchende sich über seine Landkarten klar wird und versteht, wie die Damen im Zug, wo er denn eigentlich hin will. Wer hätte das gedacht! Reinhard Wick "Wer die Landkarte nicht bedenkt, landet wer weiß wo, aber selten am gewünschten Ziel"
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