Streiflicht 5
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Peters Großvater und die mögliche Unmöglichkeit"

In der Erzählung "Peter und der Wolf" kommt gegen Ende der Großvater zu Wort. Nachdem entgegen aller Wahrscheinlichkeit die Geschichte aufgrund des geschickten Handelns von Peter noch einmal gut gegangen ist, alle auch die Zuhörerinnen und Zuhörer aufatmen, der Triumphzug mit dem gefangenen Wolf sich bereits formiert hat, erhebt Peters Großvater mahnend die Stimme: "Na ja, wenn aber Peter den Wolf nicht gefangen hätte, was dann?". Ja was dann lieber Großvater? Dann wäre wohl die Geschichte anders verlaufen. Vielleicht hätte es eine Katastrophe gegeben. Der Wolf hätte gefressen, was nicht rechtzeitig reißaus genommen hätte. Es wäre nichts zu machen gewesen. Was dann? Die Frage hängt bedeutungsschwer im Raum. Sie ist respektgebietend. Man duckt sich vor ihr. Aber besteht dafür ein echter Grund? Oder müsste man nicht vielmehr sagen: Nix dann, lieber Großvater? Dafür spricht manches. Nix dann! Die Katastrophe ist nun einmal ausgeblieben, daran kann auch ein Großvater mit all seinen Bedenken und dem moralisch erhobenen Zeigefinger nichts ändern. Möglich wäre es in der Tat. Es kann immer etwas schief gehen bei einer Rettungsaktion. Möglich ist es, aber faktisch ist es anders gekommen. Es ist vorbei. Die Befürchtungen des Großvaters sind Schnee von gestern. Aus der durchaus vorhandenen Möglichkeit (Potentialis) ist durch den Verlauf der Ereignisse eine Unmöglichkeit (Irrealis) geworden. Die potentielle Möglichkeit ist auf unumkehrbare Weise zu einer reinen Denkmöglichkeit geworden, die nicht mehr Realität werden kann. Das hat eine seltsame Konsequenz. Wenn der Großvater mahnend seine Stimme erhebt, ist seine Aussage zugleich und im selben Maß unwiderlegbar, weil auf purer Annahme beruhend, und unsinnig, weil von den Ereignissen widerlegt. Deshalb kann der Großvater zwar das letzte Wort haben, aber er hat keinerlei Anrecht darauf, Gehör zu finden. Jede und jeder ist gut beraten, solcher Art Bedenken in den Wind zu schlagen. Anlässe dafür gibt es genug. Denn so unsinnig die Frage ist, so verbreitet ist sie im Alltag wie im Beratungskontext. Wenn nun der Kunde sich trotz der genialen Intervention, sich das Leben genommen, seine Mutter erwürgt, seinen Partner geschlagen, sich einen Schuss gesetzt hätte, was dann! Es ist Großvaters Frage, inhaltsschwer aber bedeutungslos, aber nicht ohne. Denn wie in der Geschichte von Peter und dem Wolf entwertet sie die Leistung des Helden, in diesem Fall des Kunden, der eine schwierige und ohne Frage gefährliche Situation, erfolgreich gemeistert hat. Die Frage des Großvaters ist unbrauchbar, weil sie zu nichts führt. Dies gilt nicht nur für den Fall, dass sie wie in der Geschichte von Peter und der Wolf im Nachhinein gestellt ist. Sie bleibt es auch dann, wenn sie im Voraus gestellt wird: "Und wenn mir ein Kunde keinen Auftrag erteilt, was dann!" Die Banalität der einzig möglichen Antwort, entlarvt die Frage in ihrer Bedeutungslosigkeit. Sie kann ja nur lauten: Dann erteilt er keinen. Ich für meinen Teil erspare es mir seit einiger Zeit "Was dann?!" zu fragen. Ich erlaube es mir, diese Frage als nicht notwendig oder erforderlich zu betrachten. Nur ab und zu kommt sie mir noch in den Sinn: "Wenn der Leserin und dem Leser dieser Artikel nun nicht gefällt, was dann?!!!!

Reinhard Wick