Streiflicht 6
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„Auf dem Dach da sitzt der Richter“ – Systemisches aus dem Räuberhaus
Im Märchen von den Bremer Stadtmusikanten wird folgendes dramatische Ereignis berichtet: Die Räuber schicken einen Kundschafter aus, nachdem sie voller Schreck Hals über Kopf aus dem Räuberhaus geflohen sind. Nach Mitternacht und bei großer Dunkelheit schleicht er sich ins Haus zurück. „Der fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzuzünden, und weil der die glühenden Augen der Katze für glimmende Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, damit es Feuer finge. Doch die Katze verstand keinen Spaß, sie sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertür hinaus. Doch der Hund, der dort lag, sprang auf und biss ihn ins Bein. Und als er über den Hof an dem Mist vorbeirannte, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Tritt mit dem Hinterfuß. Der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geschreckt und munter geworden war, rief: „Kikeriki!““
Soweit das Ereignis. Nicht besonders erfreulich, zugegeben. Wer lässt sich schon gerne kratzen, beißen und einen Tritt versetzen. Was wird nun in der Erzählung des Räubers daraus, wenn er den anderen Bericht erstattet. Das hört sich wie folgt an:
„Ach, in dem Haus sitzt eine greuliche Hexe, die hat mich angefaucht und mir mit ihren langen Fingernägeln das Gesicht zerkratzt. Vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen. Auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen. Und oben auf dem Dach sitzt der Richter, der rief: „Bringt mir den Schelm her!“ Da machte ich, dass ich fortkam!“
In der Erzählung des Räubers wird aus der Katze eine Hexe mit langen Fingernägeln. Aus dem Hund ein Mann mit einem Messer, dem Esel ein schwarzes Ungetüm mit einem Holzprügel und aus dem Hahn der Richter, der die Ergreifung der Räubers anordnet. Wie ist das zu erklären? Zunächst so, dass wir hier ein eindrückliches Beispiel vor uns haben, von erlebtem und erzähltem Leben. Die Kratzer, die Wunde im Bein, der vermutlich beträchtliche Bluterguss und der Hahnenschrei, der dem Räuber in den Ohren klingt, sind erlebtes Leben. Für diese Wahrnehmung sucht der Räuber eine Deutung. Für diese Deutung benutzt der Kundschafter der Räuber, seine Landkarte, wie sie sich in seinem Räuberleben herausgebildet hat und erfindet daraus seine Erzählung. Besonders augenfällig ist das bei seiner Deutung des Hahnenschreis. Es ist ein wichtiges Element des Räuberlebens, dass sie ständig in der Gefahr schweben, eines Tages erwischt zu werden. Das heißt nicht nur, dass sie auf der Hut sein müssen, sondern auch, sich die Welt aufteilt in Verfolger und Verfolgte. Dies prägt und bestimmt, die Wahrnehmung des Räubers von der Welt, seine Landkarte. Er der selbst ein Messer im Gürtel oder im Stiefelschaft trägt, vermutet an der Hintertür, einen Mann mit einem Messer. Und der Schrecken, verbunden mit einem möglicher Weise entsprechenden Vorstellung von der Welt, lässt aus der Katze die Hexe und aus dem Esel ein schwarzes Ungetüm werden. Diese erzählte Geschichte, ist für ihn die Wahrheit und sie wird von den übrigen Mitgliedern der Räuberbande problemlos geglaubt. Dass sie in sich weder stimmig noch logisch ist, tut ihrer Wirkung keinen Abbruch. Welche Erklärung könnte es geben, dass ein Richter auf dem Dach sitzt? Was sollte oder wollte ein Mann, der die ganze Nacht an der Türe steht? Wenn da beim Misthaufen, ohnehin ein Ungetüm lauert, wozu benötigt es eine Holzkeule, um dem Räuber einen Hieb zu versetzen? Aber so ist das nun mal mit dem erzählten Leben. Es muss lückenhaft bleiben und ist bei weitem nicht immer stimmig. Doch wir halten fest, die Erzählung entscheidet über das weitere Vorgehen der Räuber, über das, was sie tun und lassen, ja über ihr Schicksal und über ihre Zukunft.
Das einzige was daran erstaunt, ist, dass Wilhelm und Jacob Grimm im 18. Jh. schon Systemiker gewesen sind. Möglicher Weise liegt dies an meiner Landkarte.
Reinhard Wick
