Streiflicht 8
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„Wirklich nur der Automat – Impulse bewegen mit Emil Steinberger“

In seinem Sketch „Polizeihauptwache“ spielt Emil Steinberger einen Polizisten, der im Revier sitzt und Nachtwache hat. Er ist gerade von einem Kollegen mit einem fingierten Bombenalarm hereingelegt worden. Wieder klingelt das Telefon. Emil (grinsend): „Jetzt erlaube ich mir auch einmal einen Gag.“
Hebt den Hörer ab
Emil: Polizeihauptwache. Hier spricht der Automat. Sprechen Sie auf mein Zeichen. Biip.
Emil (verschreckt zum Publikum): Mein Chef!
Hört eine kleine Weile zu.
Emil (mit Unschuldsmine): Nein, hier spricht wirklich nur der Automat.
(entschlossen) „Die Sprechzeit ist zu ende – Biip“
Legt auf
Der Lacherfolg blieb bei dieser Nummer niemals aus, wie das beim derart offensichtlichen inneren Widerspruch in der Regel der Fall ist. Jenen Satz, den Emil von sich gibt, könnte nämlich gerade ein Automat, niemals von sich geben. Und genau damit weist uns Emil den Weg in die Welt der trivialen und nicht-trivialen, d.h. komplexen Systeme.
Der Anrufbeantworter, der in diesem Fall so genannte „Automat“, ist eine Maschine. Von einer Maschine wird zurecht erwartet, dass sie bei entsprechendem Input immer auf dieselbe Weise funktioniert. Die Maschine hat keine Wahl, bestimmt nicht darüber, ob und wie sie funktioniert. Sollte eine Maschine einmal in völlig unerwarteter Weise reagieren, dann ist mit hoher Wahrscheinlichkeit eine versteckte Kamera im Spiel. Emil ist keine Maschine. Er funktioniert erfreulicher Weise nicht. Stattdessen reagiert er und genau das ist der Unterschied. Eine Maschine erschrickt nicht, wenn der Chef sich am anderen Ende der Leitung meldet. Sie weiß nicht, was „Chef“ in diesem Zusammenhang bedeutet, weil sie nicht „sozial“ ist und auf soziale Differenzierungen reagieren kann. Emil weiß es sehr wohl. Eine Maschine kennt keine Motivation, sie kann nicht beteuernd sagen: „Nein hier spricht wirklich nur der Automat.“ Emil kann es. Er muss beteuern, weil er sich ertappt fühlt. Eine Maschine kann sich nicht zu etwas entschließen,

Emil schon: „Jetzt erlaube ich mir auch einmal einen Gag!“ Eine Maschine kennt keine Gefühle, wie Rache, Kränkung, Lust oder Ähnliches. Wohl aber Emil, der es seinem Kollegen heimzahlen möchte. Und noch etwas: Die Maschine, kann nicht irren wie Emil, der glaubt, wieder einen seiner Kollegen in der Leitung zu haben und nicht seinen Chef.
Emil hat ein weites Spektrum sowohl an Reaktions- als auch an Wahrnehmungsmöglichkeiten. Daran zeigt sich unübersehbar, dass „Emil“ keine Maschine ist. Anders ausgedrückt: Der Unterschied zwischen trivialen und nicht-trivialen Systemen wird deutlich. „Emil“ als Bühnenfigur zeigt sich stets als einer, der an dieser Komplexität scheitert und heillos in ihr verstrickt ist. Dieses zutiefst Menschliche gezeigt zu bekommen und anzuschauen, ist genau der Humor, das Lachen des Menschen über sich selbst, der solche Sketche ausmacht. Und noch einmal Theorie: Das Kennzeichen nicht-trivialer, d.h. komplexer Systeme, ist es zu reagieren und nicht zu funktionieren. Genau das ist gemeint, wenn wir sagen „Impulse bewegen“. Reagieren heißt im Gegensatz zum Funktionieren, etwas deutend wahrnehmen, Schlüsse ziehen und eine Handlung daraus ableiten. Was dabei herauskommt, kann man nie im Voraus sagen. Es ist ergebnisoffen. Genau das ist das Spannende daran. Die Folgerungen, die sich daraus für Beratung und Therapie ergeben, kann jede und jeder für sich selbst ziehen. Im nächsten systemischen Streiflicht, werden wir uns noch einmal mit Emil befassen. Dann mit seinen beraterischen Qualitäten.

Reinhard Wick